"Moderne Familien und Gerechtigkeit" - Wie Familien heute eine Balance zwischen Beruf, Familie und Pflege finden können - Vollversammlung des Diözesankomitees am 11.02.2011

Zur Vollversammlung ist das Diözesankomitee am Freitag, 11.02.2011, im Diözesanzentrum Obermünster zusammengekommen. Als thematischen Schwerpunkt hatte sich das Gremium das Thema "Moderne Familien und Gerechtigkeit" gewählt. Als Referent konnte Prof. em. Dr. Alois Baumgartner aus München gewonnen werden, der in einem lebendigen Vortrag in die Thematik einführte. Prof. Baumgartner beschrieb eingangs die klassische bürgerliche Familie, die im 19. Jahrhundert als Ideal gesehen worden sei. Der Mann sei als Ernährer tätig gewesen, die Frau sei für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig gewesen. Bahnbrechend seien dabei die Realschulen für Mädchen gewesen, die oft in Klöstern untergebracht worden seien. Erst seit relativ kurzer Zeit gebe es die Gleichberechtigung von Mann und Frau, wie z.B. das Stimmrecht für Frauen, das erst 1918 eingeführt worden sei. In seinen Ausführungen ging Prof. Baumgartner auch auf die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts entstandenen Probleme ein. Durch die zunehmende Erwerbstätigkeit der beiden Ehepartner sei Kindererziehung und Pflege der Alten in den Familien nicht mehr gewährleistet und eine generelle Lösung noch nicht in Sicht. Er führte außerdem aus, dass der Familienbegriff ein Erbe der Romantik sei, in der die Familie als personale Lebensgemeinschaft gesehen werde. Dabei gehe es um gegenseitiges Da sein, Verzeihung und permanenten Neuanfang. Man gebe mehr als man geben müsse und stelle nicht die Frage, was einem zustehe. Gerechtigkeit bedeute, jedem das Seine zu geben, aber nicht jedem das Gleiche zu geben. Die andere Tugend sei die Freigiebigkeit, in der man von sich aus gebe. Es handle es sich um ein Geschenk, wobei es sich auch um Zeit, Geld oder emotionale Ressourcen handeln könne. Es könne kein Gesetz geben, die diese Freigiebigkeit einfordern könne. Als Beispiel nannte Prof. Baumgartner die Pflege im Krankenhaus, in der jeder einen Anspruch auf Pflege in Würde habe, aber es könne nicht eingefordert werden, dass eine Krankenschwester einem Sterbenden die Hand hält, da es sich um einen Akt der Barmherzigkeit handle.
Auch in modernen Familien sei ein Höchstmaß an Zuwendung verlangt, wobei der Gerechtigkeitsanspruch die Basis sein müsse. Wenn heute Ehen scheitern würden, dann meist, weil die Erwartungen zu hoch seien. Gerechtigkeit in modernen Familien bedeute auch, dem anderen Freiraum zu gewähren, worauf er Anspruch habe, wie z.B. die Selbstverantwortung des Anderen. Bei der Kindererziehung gehe es heute auch um Achtung, Anerkennung und Ermöglichung von Freiheit im Gegensatz zu früher, wo Kinder nur gehorchen mussten. Prof. Baumgartner ging auch auf die Rolle des Staates ein. Der Staat könne den Rahmen geben, wenn es um Gerechtigkeit gehe, nicht aber was Liebe oder Verlässlichkeit angehe. Im Recht gebe es keine Garantie auf Barmherzigkeit oder Zuwendung, man sei angewiesen auf moralische Potentiale. Der Staat solle schützen, um ein freies Miteinander zu ermöglichen, eingreifen, wenn die Gerechtigkeitsbasis nicht mehr gegeben sei, und fördern nach dem Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre (Hilfe zur Selbsthilfe). Der Staat sei der Diener der Menschen, nicht umgekehrt. Heute sei es auch wichtig, den Eltern bewusst zu machen, dass Eltern ihr Elternrecht nicht an der Tür des Kindergartens abgeben. Ähnlich sei es bei der Pflege von alten Menschen. Die Verpflichtung zur Pflege könne nur im Rahmen der Möglichkeiten geschehen. Die Angehörigen sollten mit der Freigiebigkeit großzügig umgehen, was v.a. den Umgang mit der Zeit betreffe. Die ungelösten Grundfragen seien, auf welche Gesellschaft wir zugehen und wie viel Wohlstand auf dem Rücken der Kinder geschaffen würden.
Der Vorsitzende des Diözesankomitees, Philipp Graf Lerchenfeld, konnte auch den Vorsitzenden des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Dr. Albert Schmid, bei der Vollversammlung begrüßen. Dr. Schmid stellte die Aufgaben des Landeskomitees vor und berichtete von den aktuellen Themen. Er betonte, dass man sich nicht in eine Jammerecke drängen und sich nicht eine "Reizthemendebatte" aufdrängen lassen solle. Es werde auch darüber gesprochen, wie mit der aktuellen Glaubenskrise umgegangen werden könne.
Graf Lerchenfeld berichtete außerdem von dem Vorhaben des Diözesankomitees, eine Wallfahrt zu einem Gottesdienst beim Papstbesuch in Deutschland, der im September 2011 stattfindet. Nähere Infos dazu seien noch nicht bekannt, da der genaue Reiseablauf des Papstes noch nicht feststehe. Die Ausschreibung werde aber über die Verbände und Pfarreien erfolgen.


Regensburg, 14.02.2011

Manfred Fürnrohr
Geschäftsführer Diözesane Räte


Prof. Alois Baumgartner (links) mit dem Vorsitzenden des Diözesankomitees, Philipp Graf v.u.z. Lerchenfeld


Das Podium bei der Vollversammlung des Diözesankomitees (v.l.n.r.): Dr. Albert Schmid (Vors. Landeskomitee, Prof. Alois Baumgartner (Referent), Philipp Graf v.u.z. Lerchenfeld (Vors. Diözesankomitee), Michael Meier (Stv. Vorsitzender Diözesankomitee), Manfred Fürnrohr (Geschäftsführer Diözesane Räte)



[zurück]