Jugendliche Lebenswelten -Jugendliche als Grenzgänger

23. Jugendforum im Kongresszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Fakultät für angewandte Wissenschaften der Hochschule München und der Ludwig Maximilians Universität

Professor Dr. Siegfried Höfling von der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung lud in Kooperation mit der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München und der Ludwig Maximilians Universität München in das Konferenzzentrum in der Lazarettstraße der Hanns-Seidel-Stiftung zum 23. Jungendforum der Hanns-Seidel-Stiftung zum Thema "Jugendliche Lebenswelten - Jugendliche als Grenzgänger!" ein.
"Jugendliche sind keine einheitliche Gruppe", so Prof. Dr. Siegfried Höfling, "je nach ihren Lebenswelten, ihrer Entwicklungsgeschichte und ihren Lebenschancen findet man unterschiedliche Persönlichkeiten, Interessen und Lebensstile vor!" So war das Referat von Prof. (em.) Rolf Oerter mit "Jugendliche Subkulturen - Hintergründe, Strömungen, Trends und Probleme überschrieben!" Er beschrieb zunächst typische Merkmale, nach denen Jugendliche einer gewissen Subkultur zuzuordnen seien. Als Subkultur, so Prof. Oerter, bezeichne man ein abweichendes Verhalten vom "mainstream", diese Subkulturen gebe es aber auch bei den Erwachsenen, soweit sie charakteristische Eigenschaften und Verhaltensweisen aufweisen, die den zeitgenössischen Wertorientierungen und Lebensstilen nicht entsprechen bzw. noch nicht zum Mainstream gehören. Oerter beschrieb aber auch die gängigen Gruppierungen, die sich bewusst dem Mainstream entgegenstellen, wie die Punks, die Hip-Hops oder die Gothic-Kultur. So sehen die Punks ihre Wurzeln als Gegenkultur zur konsumorientierten Gesellschaft. Hip-Hop ist ursprünglich männlich, sexistisch und chauvinistisch, hat aber in Deutschland, wo der soziale Hintergrund der ursprünglichen Subkultur in den USA fehlt, auch aufklärerische und Edutainment-Züge erhalten. Die Gothic-Kultur ist eine vielfältige Subkultur, die ab Anfang der 1980er Jahre stufenweise aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging und sich aus mehreren Splitterkulturen zusammensetzte. Sie existierte in den 1980er Jahren im Rahmen der Drak-Wave-Bewegung und bildete bis zur Jahrtausendwende den Knotenpunkt der sogenannten Schwarzen Szene. Das Basiselement, das die Entwicklung der Gothic-Kultur ermöglichte, war das Zusammenwirken von Musik (Gothic Rock), Faszination an düsteren Themen wie Tod und Vergänglichkeit sowie einer daraus resultierenden Selbstinszenierung. Wesentlichen Einfluss nahmen hierbei Literatur und Film, deren Thematik das Erscheinungsbild der Szene zum Teil maßgeblich prägte. "Emo" ist ursprünglich ein Rockmusik-Stil mit melodischer expressiver Lyrik, der in der Hardcore Punk-Bewegung Mitte der 80er Jahre entstanden ist. Er wurde auch "emotional hardcore" oder "emocore" genannt. Heute ist "Emo" eine diffuse Bezeichnung für Fans und Künstler und dient der Beschreibung einer bestimmten Mode, Subkultur und Lebensweise.

Computer als Medium in Subkulturen

Als ein gemeinsames Medium in Subkulturen bezeichnete der Referent den Computer, denn er schaffe gemeinsame Spielräume, Austauschmöglich-keiten von Informationen aber eröffne auch Begegnungen.
Diese Lebenswelten umfassen mehrere "Settings". Unter Setting versteht man einen Ort mit spezifischen physikalischen Eigenschaften, in dem die Teilnehmer in bestimmter Weise in bestimmten Rollen und zu bestimmten Zeiten aktiv sind: da sind beispielsweise das Stetting Familie, das Setting Peergroup oder das Setting Schule auszumachen und mit jeder dieser Settings ist auch der Zugang zu einer adäquaten Subkultur möglich.
Daniela Arnu, Journalistin beim Bayerischen Rundfunk, moderierte die Erfahrungen junger Menschen, die man als Grenzgänger bezeichnen könnte, wie sie ihre Situation erleben, zwischen verschiedenen Welten aufzuwachsen.

Glaubenswelten

So berichteten moslemische Jugendliche von ihren Erfahrungen in zwei verschiedenen Welten aufzuwachsen: sie seien Jugendliche, die in München aufgewachsen sind, Bairisch sprechen und im Elternhaus eine türkisch-moslemische Kultur erleben. Es mache für sie auch keinen Unterschied, so einer der Jugendlichen, ob man Christ oder Moslem sei. Jeder habe seine Überzeugung, meinte er, und wenn das zu ihm passe, dann sei das o.k! Zwei weitere Jugendliche waren eingeladen, die von ihren religiösen Erfahrungen berichteten, wie sie Spiritualität im Netz und in der realen Gemeinde erleben. "Spiritualität im Web 2.O!" war dieser Teil überschrieben und sie erzählten davon, wie sie im Internet mit anderen gleichgesinnten Jugendlichen sich über Gott und die Welt austauschen könnten. In der Realität sei dies nicht immer so leicht möglich, denn zu selten treffe man Leute an, die auf einer ähnlichen Wellenlänge seien. Als ein interessantes Beispiel wurde www.funcity.de genannt und auf diesen Kirchenauftritt verwiesen, der Onlinekirche St. Bonifatius und dem Onlinekloster. Hier könne Spiritualität geprobt und erlebt werden. Und die Jugendlichen gaben unumwunden zu, dass sie durchaus Erbauung und innere Einkehr auch in diesem Medium fänden. Thematisiert wurde aber auch der Zwiespalt, der sich aus den zwei Lebenswelten ergeben würde: der Realität und den täglichen Ungereimtheiten, die das Leben so mit sich bringe und der neuen Heimat und Vertrautheit, die man dort im Netz erleben könne. Klar war den Jugendlichen und formulierten es auch bewusst, dass die reale Welt der virtuellen vorzuziehen sei und man sich nicht dort verlieren dürfe.

Edmund Speiseder



Prof. (em.) Rolf Oerter beim Vortrag in der Hanns-Seidel-Stiftung


Von links nach rechts: Jugendliche, die sich als "Grenzgänger" beschrieben und von ihren Erlebnissen berichteten zusammen mit Prof. Oerter (4. von links) und Daniela Arnu (Bayerischer Rundfunk; 5. von links)



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